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9Y: Die Software-Agentur, die aufs Zwischenmenschliche baut

9Y beim internen jährlichen Firmen-Summit. © 9Y
9Y beim internen jährlichen Firmen-Summit. © 9Y

Eigentlich habe ich erwartet, dass ich viel über App Stores, die Mobile-Ära, den Digitalisierungs-Turbo und Developer-Tools zu hören bekomme, wenn ich Luka Mirosevic anrufe. Mirosevic ist immerhin Mitgründer und CEO jener Wiener Software-Agentur 9Y, die kürzlich in der FT 1000-Liste auftauchte – jenem Ranking der Financial Times, in dem die am schnellsten wachsenden europäischen Firmen gelistet werden.

9Y landete auf Platz 214. Die durchaus beeindruckende Leistung. Mirosevics Firma ist beim Umsatz von 2016 bis 2019 jedes Jahr im Schnitt um 100 Prozent gewachsen – von 230.000 Euro im Jahr 2016 auf 1,84 Millionen Euro im Jahr 2019. Nur das österreichische Startup Mavoco (Trending Topics berichtete) konnte 9Y übertrumpfen.

Alles aus dem eigenen Cashflow

„Wir haben keine Investoren, wir kommen nicht aus reichen Familien, wir finanzieren alles aus dem eigenen Cashflow“, sagt Mirosevic im Gespräch mit Trending Topics. Er hat 9Y, das früher 9yards hieß, 2015 gemeinsam mit Peter Riegler und Bernd Bergler gestartet. Zu den Kunden zählen Startups wie Anyline und mySugr genauso wie Riesen wie Red Bull oder OMV. Demnächst könnte sogar einer der FAANG-Giganten dazukommen, wenn sich die drei in einem wichtigen Pitch-Wettbewerb durchsetzen. Eine österreichische Agentur baut Software für Silicon-Valley-Riesen – das gäbe eine Schlagzeile.

Wie hat 9Y das geschafft? Die Agentur blieb bisher unter dem Radar, erst durch die Listung bei der Financial Times ist sie ins Rampenlicht getreten. Mehr als 30 Entwickler arbeiten für die Firma, und im Kern dreht sich alles um sie. „Jeder kann eine geile Kaffeemaschine kaufen und eine Dog-Policy aufstellen“, sagt Mirosevic. „Aber bei uns dreht sich wirklich alles um den perfekten Arbeitsplatz. Wir legen wirklich viel Wert aufs Zwischenmenschliche. Gib‘ den Leuten das, lass‘ sie machen und misch‘ dich nicht zu viel ein.“

9Y beim internen jährlichen Firmen-Summit. © 9Y
9Y beim internen jährlichen Firmen-Summit. © 9Y

Entwickler, die Firmen suchen – und nicht umgekehrt

Mirosevic und seine beiden Mitgründer sehen sich als Software-Entwickler, die sich als Business-Männer verkleiden. „Entwickler suchen Firmen und nicht umgekehrt“, sagt der 9Y-Chef. Der Erfolg der Firma hänge zu 100 Prozent mit den Developern zusammen, und deswegen müsse man ihnen einfach den besten Job bieten. Und der würde sich nicht über Gehalt definieren, sondern über Freiheiten, Mitbestimmung, gute Kollegen und Verantwortung. „Wir schaffen dieses Klima, wo sich Entwickler wirklich wertgeschätzt fühlen“, sagt Mirosevic. „Man muss erkennen, dass da Menschen arbeiten, und sie wie First Class Citizens behandeln.“

Ein paar Beispiele gefällig? Bei 9Y gibt es zum Beispiel keine Daily Standups, denn die würden Mitarbeitern zeitlich oft in die Quere kommen. Dafür gibt es „Turbo-Gleitzeit“, wie Mirosevic es nennt – so lange die Arbeit erledigt wird, ist es komplett egal, wann sie erledigt wird. Wer Lust hat, kann sogar einen Blick ins Playbook der Firma werfen und selbst nachlesen, nach welchen Regeln sie tickt.

Aber nicht falsch verstehen: 9Y ist kein Spielplatz, auf dem jeder tun und lassen kann, was er will. „Es ist nicht leicht, bei uns zu arbeiten. Wir haben auch Stress und Deadlines“, sagt Mirosevic. Klar gehe es um gute Software, gutes Design, guten Code. Was er aber auch festgestellt hat: Die Kommunikation und der Umgang mit dem Kunden sei ein größerer Erfolgsfaktor als die Software selbst. Kunden, bei denen bei der Software nicht alles geklappt hätte, aber mit denen man einfach gut und ehrlich kommuniziert hätte, seien am Ende die zufriedeneren. „Wir sind schlecht in Eigen-Marketing, aber wir schauen sehr genau drauf, wie die Experience des Kunden ist, mit uns zusammen zu arbeiten.“ So hätte man Bestandskunden lange halten können, und würde bei neuen empfohlen werden.

© KayX / 9Y
© KayX / 9Y

Durch ein schwieriges Jahr Richtung USA

Mirosevic, das merkt man im Gespräch, ist über die Jahre klar zum Geschäftsmann geworden. Aber er ist eben auch Developer. Im Alter von 23 wurde er CTO bei einem asiatischen Marketplace-Startup, ist Core-Contributor von Fastlane von Felix Krause (später an Twitter und dann Google verkauft) und unterrichtet heute am Technikum Wien. „Ich habe mit dem Thema Developer wirklich aus allen Blickwinkeln zu tun.“

2020 war aber auch für 9Y ein schwieriges Jahr. Kundenprojekte wurden abgesagt oder auf die lange Bank geschoben, und die Büros sind wegen Home Office leer. Doch das jährlich starke Wachstum der Vorjahre wollen die drei 9Y-Gründer beibehalten, vor allem im Ausland. Bereits jetzt kommt die Hälfte des Umsatzes aus dem DACH-Raum, die zweite Hälfte aus anderen internationalen Märkten. Um das zu Forcieren und dann auch auf FAANG-Fang zu gehen, will man ein eigenes Büro in London oder New York eröffnen.

Und nachdem wir viel übers Zwischenmenschliche im Job geredet haben, kommt die Sprache zum Schluss dann doch noch auf Technologie. Wo geht denn die Reise hin? Mirosevics Antwort ist ziemlich klar: „AR/VR wird der nächste große Trend werden, weil die Technologien bald soweit sein werden.“ Google, Apple, Facebook, Microsoft – die US-Riesen arbeiten alle an dem Thema. Also wer weiß – vielleicht arbeitet eine Wiener Software-Agentur bald mit bei den FAANGs.

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