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996: Die chinesische Kultur der Überstunden und ihre Kritiker

© Pexels
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996 – das ist eine Zahl, die bei vielen Unternehmern auf Bewunderung stößt. 996 ist aber auch eine Zahl, die für Mitarbeiter  Ausbeutung bedeutet.

996, das steht in China für die 72-Stunden-Woche. Von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr Abends arbeiten, und das 6 Tage die Woche – mit diesem Arbeitspensum sehen sich viele Chinesen, gerade in der boomenden Tech- und Startup-Branche konfrontiert. Um auf die ausbeuterische Arbeitskultur aufmerksam zu machen, haben Entwickler auf Github die Initiative 996.ICU gestartet. ICU steht dabei für „Intensive Care Unit“: Wer 996 arbeite, riskiere, auf der Intensivstation des Krankenhauses zu landen, sogar von Todesfällen wegen der langen Überstunden ist die Rede.

+++ Schwerpunkt: China – The New Startup Superpower  +++

Endstation Intensivstation

Das chinesische Arbeitsgesetz sieht zwar vor, dass Angestellte wöchentlich maximal 44 Stunden arbeiten dürfen (bei maximal 36 Überstunden pro Monat), doch in Internet-Firmen wie 58.com, JD.com oder Youzan soll die 72-Stunden-Woche bereits zur Norm gemacht worden sein. Auch andere Firmen wie Alibaba, Huawei, Tencent, Baidu, Xiaomi stehen auf der Liste und werden für massig Überstunden kritisiert.

Bei Internet-Unternehmern kommt 996 wenig verwunderlich gut an. Alibaba-Chef Jack Ma, selbst Mitglied der Kommunistischen Partei, meinte, dass 996 ein „großer Segen sei“. „Wer bei Alibaba anfängt, sollte bereit sein, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten», so der Milliardär. „Wir brauchen diejenigen nicht, die bequem acht Stunden arbeiten.“ Unternehmen sollten Mitarbeiter nicht zu 996 zwingen, „aber die Jugendlichen müssen selbst verstehen, dass das Glück ein Kampf ist.“

Kampf um Wohnungen und Jobs

Und so sind viele Chinesen in der Tech-Industrie in Peking, Shanghai oder Shenzhen bereit, die Überstunden zu leisten. Denn sie brauchen die überdurchschnittlich gut bezahlten Jobs in Tech- und Internet-Unternehmen, um sich das immer teurere Leben in China leisten zu können. Vor allem Wohnen ist in boomenden Städten wie Shenzhen kostspielig geworden. Zudem drängen viele Millionen Menschen in den Arbeitsmarkt – wer gewillt ist, mehr zu leisten, der bekommt die Jobs eher. Dazu kommt, dass in China die Boom-Phase vorbei ist und nicht mehr so viele neue Arbeitsstellen wie noch vor einigen Jahren geschaffen werden.

„In Shenzhen ist die Competition um Jobs sehr hoch. Jeden Tag kommen tausende neue Menschen in die Stadt“, sagt etwa Danny aus Shenzhen über die Metropole nahe Hongkong, die innerhalb von 40 Jahren vom Fischerdorf zur Stadt mit 20 Millionen Einwohner wuchs. Hier haben etwa Unternehmen wie Tencent, ZTE oder Huawei ihre Hauptquartiere. „Wenn du nicht deine Leistung bringst, dann wird ein anderer den Job machen, und du kannst dir das Leben in der Stadt nicht mehr leisten.“

Hohe Lebenserhaltungskosten

Dass überall und ständig 996 gearbeitet wird, ist aber auch nicht Realität. Bei einem Besuch von Trending Topics in einer Smartphone-Fabrik von Huawei wurde bestätigt, dass die Arbeiter an den Produktionslinien eine 40-Stunden-Woche haben. Nur bei großer Nachfrage – vor allem zum Weihnachtsgeschäft – werden Überstunden verlangt. Fabriksarbeitern werden Wohnungen direkt am Campus angeboten – so leben sie oft in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstätte.

Die Tech-Unternehmen verursachen teilweise selbst die hohen Lebenserhaltungskosten. Das neue Huawei-Headquarter Dongguan – etwa eineinhalb Autostunden von Shenzhen entfernt – soll Platz für 25.000 Mitarbeiter bieten. Durch den erwarteten Zuzug von vielen gut verdienen R&D-Mitarbeitern in die luxuriös anmutenden Neubauten haben sich die Mietpreise in der Gegend stark erhöht. Ähnliche Effekte kennt man aus dem Silicon Valley, wo die Mietpreise explodiert sind. Wer nicht bei den großen Tech-Unternehmen die guten Jobs abstaubt, kann sich das Leben in San Francisco kaum mehr leisten.

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