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4-Tage-Woche: Pro & Contra

© Photo by 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash
© Photo by 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash

4 Tage arbeiten, 3 Tage Wochenende: Das klingt verlockend. Nicht erst seit der Corona-Krise, aber sicherlich durch sie verstärkt, ist das Konzept der 4-Tage-Woche wieder in den Fokus gerückt. Ausgehend von einer Debatte in Neuseeland hat das Thema nun auch in Österreich die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit erregt, nachdem das Konzept bisweilen nur bei einigen kleinen Firmen und Startups umgesetzt wurde (Trending Topics berichtete).

Nun ist es die Oppositionspartei SPÖ, die im Zuge der anstehenden Verhandlungen über eine Reform der Kurzarbeit die 4-Tage-Woche ins Spiel gebracht hat – mit den entsprechenden Reaktionen (siehe unten). Der Vorschlag der SPÖ sieht folgendermaßen aus:

  • Arbeitszeitverringerung von 20 Prozent, also eine 32-Stunden-Woche
  • Die Kosten der 20 Prozent teilen sich Staat (AMS), Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu jeweils 1/3
  • Arbeitnehmer sollen 95 Prozent des Vollzeitgehalts bekommen
  • Arbeitnehmer verzichten auf brutto 6,6 Prozent des bisherigen Vollzeitgehalts (1/3 der 20 Prozent)
  • AMS übernimmt 6,6 Prozent des Gehalts (1/3 der 20 Prozent)
  • Arbeitgeber bezahlt 86,6 Prozent des Gehalts (80 plus 6,6 Prozent)
  • maximale Förderdauer beträgt drei Jahre
  • nach den 3 Jahren sollen die Sozialpartner branchenspezifisch entscheiden, wie die dann entfallene Förderung durch das AMS kompensiert wird

Nun ist dieses Modell der Arbeitszeitverkürzung eines, das bei den Gewerkschaften gut ankommt, bei den Vertretern der Unternehmen aber nicht. Am Wochenende haben sich Vertreter der Wirtschaft und Vertreter der Arbeitnehmer bereits einen Schlagabtausch via Presseaussendungen geliefert. Hier also die Pros & Cons:

Pro

1. Zufriedenere Mitarbeiter

Dieser Punkt wird immer wieder angeführt: (Potenzielle) Mitarbeiter finden mit der 4-Tage-Woche ein attraktives Modell, mit dem sich die Work-Life-Balance besser bewerkstelligen lässt. Bei 3 freien Tage lassen sich Familie, Kinder, Freunde, Hobbys etc. einfacher unterbringen. Firmen, die die 32-Stunden- bzw. die die 4-Tage-Woche eingeführt haben, berichten davon, dass die Mitarbeiter glücklicher sind (mehr dazu hier).

Als Arbeitgeber kann man bei Mitarbeitern und solchen, die man für die Firma gewinnen will, natürlich punkten. Eine Vier-Tage-Woche bei (fast) vollem 40-Stunden-Gehalt ist natürlich ein wichtiges Argument und kann dazu führen, dass Mitarbeiter loyaler sind und nicht zur Konkurrenz gehen.

2. Insgesamt mehr Arbeitsplätze

SPÖ und Gewerkschaft argumentieren, dass es durch das Modell insgesamt mehr Arbeitsplätze gibt. So könnte man rein rechnerisch vier Beschäftigte auf eine Vier-Tage-Woche umstellen und für die freiwerdende Zeit eine zuvor arbeitslose Person anstellen – sofern sich der Betrieb das leisten kann. In Krisenzeiten, in denen es sehr viele arbeitslose gibt, ist das natürlich ein möglicher Weg, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

3. Höhere Produktivität

Die Unternehmen Perpetual Guardian in Neuseeland, Microsoft Japan, aber auch der Kosmetik-Hersteller Unterweger aus Tirol oder die oberösterreichische Marketing-Agentur eMagnetix werden immer wieder als Best Practices herangezogen, wenn es um die Einführung einer 4-Tage-Woche geht. Diese Firmen berichten von einer höheren Produktivität und steigenden Umsätzen nach der Einführung.

4. Besser für die Gesundheit

Das Büro für Interaktion in Wien von Gründer Thomas Meyer hat die 32-Stunden-Woche wie berichtet bei vollem Gehalt eingeführt. Neben einer höheren Zufriedenheit bei den Mitarbeitern berichtete Meyer Trending Topics dieses Jahr bereits, dass es weniger Krankenstände gibt. Auch in einem Pflegeheim der zweitgrößten schwedischen Stadt Göteborg zeigte sich, dass eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich für 10 Prozent weniger Krankenstände sorgt.

Contra

1. Teurer für die Firmen

Klarer Fall: Der Arbeitgeber zahlt rein rechnerisch drauf. Er bekommt 32 Stunden Arbeitsleistung, bezahlt aber mehr als 80 Prozent des 40-Stunden-Gehalts, weil er sich die Kosten der Arbeitszeitverkürzung ja jeweils zu einem Drittel mit dem AMS und dem Arbeitnehmer teilt. Gerade in einer Wirtschaftskrise, die nun nach der Corona-Krise hereinbricht, ist as für viele Unternehmen schlichtweg nicht machbar.

Das kritisiert auch Georg Knill, der neue Präsident der Industriellenvereinigung (IV). Ihm zufolge würden Arbeitnehmer einen Teil ihre Löhne und Gehälter einbüßen, Unternehmen sähen sich mit einer weiteren Verteuerung des Faktors Arbeit konfrontiert. „Arbeit ist nicht beliebig skalierbar und eine Verteuerung der Arbeit würde eine höhere Arbeitslosigkeit mit sich bringen. Derartige Belastungsideen sind daher mehr als entbehrlich und ganz klar abzulehnen“, so Knill. Das vorgeschlagene Modell würde Österreichs internationale Wettbewerbsfähigkeit und in der Folge heimische Arbeitsplätze gefährden.

2. Weniger Zeit für die Arbeit

Für bestehende Mitarbeiter könnte die vorgeschlagene Arbeitszeitverkürzung bedeuten, dass sie die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit erledigen müssen. Gerade in Fachgebieten, wo sich nicht so einfach zusätzliche Mitarbeiter finden, können Arbeitgeber nicht einfach mal eine zusätzliche Arbeitskraft dazu holen, die dann den Rest erledigt, den der andere Mitarbeiter in den 32 Stunden nicht schafft. Klar: Wenn man weniger nebenbei Facebook schaut oder die Plauderpausen reduziert, kann das funktionieren – doch generell würde das Modell bedeuten, dass man mit der verbleibenden Arbeitszeit effizienter und disziplinierter umgehen muss.

3. Stunden/Tag, nicht Tage/Woche ausschlaggebend für Produktivität

Das Argument, dass Mitarbeiter bei weniger Arbeitszeit produktiver sind, ist nicht eindeutig. So zeigen Studien, dass Menschen sehr produktiv sind, wenn sie sechs Stunden pro Tag arbeiten bzw. das selbe leisten wie bei 8 Stunden pro Tag. Das spricht nun wieder für die 5-Tage-Woche, denn 30 bzw. 32 Stunden kann man nur in fünf Tagen auf jeweils sechs Stunden aufteilen.

4. Gewöhnungseffekte

Die Erfahrungen von Microsoft Japan oder Perpetual Guardian sind sehr frisch. Zwar zeigen sie gesteigerte Produktivität, bessere Work-Life-Balance und ein gesunkenes Stress-Level, doch die Daten sind noch sehr frisch. So ist es möglich, dass nach längerer Zeit bei Mitarbeitern in der 4-Tage-Woche ein Gewöhnungseffekt eintritt und fraglich ist, ob sich die anfangs gemessene gesteigerte Produktivität auch noch nach mehreren Jahren zeigt – oder ob sie dann wieder abflacht. Denn Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter hängen auch von Betriebsklima, Arbeitsaufgabe oder Gehalt ab – auch das muss passen.

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