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360 Lab: Dieses Firmen-Netzwerk steckt hinter dem neuen Startup-Accelerator

Mario Eustacchio (Vizebürgermeister Graz), Christian Vancea (Geschäftsführer des 360), Hubert Freidl (Alleinaktionär der mWS myWorld Solutions AG) und Heinrich Schnuderl (Dompfarrer) bei der Eröffnung des 360 Lab. © Fotostudio Schrotter
Mario Eustacchio (Vizebürgermeister Graz), Christian Vancea (Geschäftsführer des 360), Hubert Freidl (Gründer der Lyoness) und Heinrich Schnuderl (Dompfarrer) bei der Eröffnung des 360 Lab. © Fotostudio Schrotter

Seit Oktober hat das heimische Startup-Ökosystem einen neuen Player mit Sitz in Graz. Das 360 Lab verspricht ein internationales Accelerator-Programm, das teilweise in San Francisco stattfindet, und ein Funding von 100.000 Euro pro Startup. Zur Eröffnung wurde das neue Lab sogar von Dompfarrer und Prälat Heinrich Schnuderl gesegnet.

Für den ersten Batch haben sich den Betreibern zufolge mehr als 1.000 Startups beworben. 12 Auserwählte haben diese Woche um einen Einzug in den Accelerator gepitcht. Fünf davon hat eine Jury in das Programm gewählt. Die Einladung zu dem Pitch-Event sorgte im Vorfeld für Irritation in der Startup-Szene. Man möge sicherstellen, dass die Teilnehmer des Events für das Startup zeichnungsberechtigt sind, heißt es in den Teilnahmebedingungen, die Trending Topics vorliegen. Denn für das Programm nehme 360 Lab Firmenanteile.

100.000 Euro Investment für 8 Prozent

Die Details des Vertrags werden nicht genannt, aber es folgt der Hinweis, man möge doch seinen Platz für eines der anderen 1.000 Startups freigeben, wenn man nicht bereit ist, ihn zu unterschreiben. Auf Nachfrage von Trending Topics präzisiert 360 Lab den Deal. Für Leistungen im Wert von 250.000 Euro, davon 100.000 Euro in Cash, nimmt der Accelerator acht Prozent. Der Vertrag dazu müsse auch nicht sofort vor Ort unterschrieben werden, beschwichtigt Martin Trink, der das Accelerator-Programm leitet, im Gespräch mit Trending Topics.

Langfristige Partnerschaft angestrebt

“Wir wollten, dass sich die Startups mit ihren Shareholdern absprechen”, sagt Trink. Es gehe lediglich darum, die grundsätzliche Möglichkeit festzuhalten. “Wir starten mit einer Option und steigen dann vielleicht bei der nächsten Kapitalrunde ein”. Es gehe dem Lab um eine langfristige Partnerschaft.

Zu den 100.000 Euro Kapital kommen zahlreiche Sach- und Service-Leistungen. In dem ersten Programmteil stellt 360Lab ein Büro in Graz sowie eine Vollzeitkraft pro Startup aus dem Accelerator-Team zur Verfügung. Das Lab übernehme auch die Kosten des Programmteils in den USA. Nach dem Proof of Concept in Europa geht es laut Trink in den USA darum, das Startup global aufzustellen und für eine “hoch bewertete Series A” VC-Finanzierung fit zu machen. “Wir haben versucht, einen Deal zu schnüren, der für Startups super ist”. 

360-Lab-Mutter gehört Lyoness-Gründer

Soweit, so klar. Weniger bekannt dürfte den Bewerbern des 360 Lab aber vielleicht sein, wer genau hinter ihrem möglichen neuen Gesellschafter steckt, sollten sie den Vertrag unterschreiben. Der Accelerator heißt mit vollem Namen myWorld 360 Innovation Lab GmbH und gehört laut Firmenbuch zu hundert Prozent der britischen myWorld Holdings Limited, die Lyoness-Gründer Hubert Freidl gehört. Die myWorld Holdings Limited wiederum ist die Muttergesellschaft der myWorld International Ltd. (das zeigt das britische Handelsregister). Die myWorld International Ltd. wiederum ist die Mutter der ehemaligen Lyoness-Landesgesellschaft in Österreich, die heute mWA myWorld Austria GmbH heißt.

Die Lyoness Austria war vor der Übertragung an die britische myWorld laut Firmenbuch in Besitz der Schweizer Lyoness Europe AG, die wiederum der Schweizer Lyoness International AG gehört. Lyoness wurde für den Shopping-Club, der in Lyconet bzw. Cashback World aufgegangen ist, in der Vergangenheit von Gerichten in der Schweiz und Österreich wiederholt als Schneeballsystem bezeichnet. Das Unternehmen hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Dieses Konstrukt ist kompliziert, und 360 Lab weist eine Verstrickung darin zurück. 360 Lab ist laut Firmenbuch mit 25 Prozent an der Kapun GmbH beteiligt, die Christian Stefan Kapun gehört, der gemeinsam mit Mario Kapun auch die Firma Kapun Immobilien und Beteiligungs GmbH besitzt. Mario Kapun war bis 2014 Lyoness-Österreich-Chef und bis heuer auch Chef der Grazer Lyconet Holding, die ebenfalls Lyoness-Gründer Hubert Freidl gehört.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Freidl

In Österreich ermittelt nach wie vor die Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft gegen Hubert Freidl, der mittlerweile in Monaco lebt, wegen Verdachts auf Verletzung der Prospektpflicht – es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Freidl stand bei der Eröffnung des 360 Lab in Graz in erster Reihe.

Besonders stolz ist der Startup-Beschleuniger darauf, den Teilnehmern des Programms in Europa einen Test-User-Markt von mehr als zehn Millionen Kunden zur Verfügung stellen zu können. Dass es sich dabei um Cashback-World-Kunden handelt, daraus macht 360 Lab kein Geheimnis: “Die potentiellen 10 Millionen User sind Cashback-World-Mitglieder, welche wir Startups als Testmärkte für ihre Product-Market-Fits zur Verfügung stellen können”, erklärt 360-Innovation-Lab-Chef Christian Vancea auf Nachfrage von Trending Topics. Zuletzt wurde Cashback World in Norwegen als “illegales, pyramidenspielartiges Verkaufssystem” verboten.

In Österreich hat der OGH 2014 zahlreiche Vertragsklauseln von Lyoness als illegal eingestuft. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) führt für Geschädigte mit Verträgen, die älter sind als 2014, eine Sammelaktion. Laut VKI laufen die Gespräche mit Lyoness bzw. myWorld noch und zielen derzeit auf eine außergerichtliche Einigung ab. Die beanstandeten Klauseln wurden nach dem OGH-Urteil geändert – bei Cashback World handelt es sich laut Homepage um eine herkömmliche Shoppingkarte, die Kunden Rabatte auf Basis ihres Einkaufsvolumens bei Partnerbetrieben bietet.

Lyconet-Marketer werben neue Cashback-Mitglieder an

Die umstrittene Vertriebsschiene wurde ausgelagert und firmiert nun unter dem Namen Lyconet. Die Informationen auf der Website sind spärlich. Lyconet Marketer, so steht dort, akquirieren neue Mitglieder für die Cashback-World-Community (also den “Testmarkt” von 360 Lab). „Sie akquirieren neue Mitglieder und Partnerunternehmen für die in 47 Ländern operierende Shopping Community Cashback World und bauen sich so ein eigenes, lukratives Shopping Network auf“, heißt es auf der Lyconet-Webseite.

Jedenfalls handelt es sich um ein Modell, bei dem Mitglieder für das Werben neuer Mitglieder vergütet werden (siehe Lyconet Vereinbarung). Die Geschädigten in der VKI-Sammelaktion haben durch Einzahlungen in das frühere Lyoness-System laut VKI meist Beträge in vier- bis fünfstelliger Höhe verloren. Sie haben ein Startpaket ab 1.500 Euro erworben, mit dem Versprechen am Erfolg des Netzwerks zu partizipieren – abhängig davon, wie viele neue Mitglieder sie selbst werben. Lyoness bezeichnete die beanstandeten Geschäftspraktiken als „Altlasten“ und „Produkte, die längst nicht mehr angeboten würden“.

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