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15 Jahre Facebook: ¯\_(ツ)_/¯

Mark Zuckerberg und seine App-Familie. © Facebook
Mark Zuckerberg und seine App-Familie. © Facebook

„Am 2. April werden dein Google+ Konto und alle von dir erstellten Google+ Seiten eingestellt und wir beginnen mit dem Löschen der Inhalte aus Google+ Privatnutzerkonten.“

Es ist die Ironie des Schicksals, dass ich diese Mail vor einigen Tage erhalten habe. Just zum 15. Geburtstag von Facebook wird jene Plattform, die 2011 als „Facebook-Killer“ gestartet wurde, abgedreht. Zu geringe Nutzung und eine Datenpanne sind die Hauptgründe, warum Google sich für die Einstellung seines Social Networks entschieden hat.

Mit Datenskandalen kennt sich Facebook-CEO Mark Zuckerberg auch aus, mit zu geringer Nutzung hat er derweil keine Probleme. Da konnte er 2018 satte 1,5 Milliarden Fake-Accounts (!) löschen und die Plattform trotzdem auf mittlerweile 2,3 Milliarden monatlich aktive Nutzer ausbauen.

Viele Entschuldigungen, noch mehr Milliarden

Mindestens 15 Mal musste sich Mark Zuckerberg seit dem Start von „The Facebook“ öffentlich für Fehler, Datenlücken, Privatsphäre-Vergehen und Skandale entschuldigen. Währenddessen bekam er Beifall an der Wall Street, machte 2018 fast 25 Milliarden Dollar Gewinn und ließ den Aktienkurs seit dem IPO 2012 auf das heute rund 4-Fache anwachsen. Die Skandale taten dem Wachstum keinen Abbruch, auch die zwischenzeitliche Stagnation in Europa scheint überwunden.

Mit Daten kennt sich Zuckerberg aus. Mit Hilfe von zugekauften Analyse-Tools (z.B. Onavo) erkannte er frühzeitig, welche anderen Kommunikations-Tools stark wachsen. Als man bei Facebook sah, dass bei WhatsApp mehr als doppelt so viele Nachrichten wie über die hauseigenen Dienste versendet wurden, wurde den WhatsApp-Gründern ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet: 19 Milliarden Dollar. Wie Instagram wurde ein potenzieller künftiger Konkurrent vorsorglich aufgekauft.

Wir können nicht loslassen

Wie oft gab es schon Berichte, dass eine Austrittswelle losbricht? #DeleteFacebook wurde 2018 nach dem Ausstieg der WhatsApp-Gründer zum geflügelten Hashtag, geändert hat er nichts. Auch wenn uns Studien (wie diese der Stanford University) sagen, dass wir ohne Social Networks glücklicher dran sind – der Lock-in-Effekt ist mächtiger. Datenschutz-affine Nutzer bekommen bei Signal oder Threema solide Angebote zum sicheren Chatten mit Freunden – Ersatz für den großen Feed sind sie aber für die meisten nicht.

Auch Fake News, Hassbotschaften, Verhetzung und verletzende Inhalte lassen uns nicht wegschauen. Im Gegenteil: Sie werden zur Diskussionsgrundlage im Netzwerk. Auch das ist der Netzwerk-Effekt. Abzuwiegen, ob Facebook gut oder schlecht für die Welt war? Da sind sich auch Experten nicht einig.

Kaum jemand will auf die personalisierte Nachrichtenflut verzichten, zu verlockend ist das permanente Reinschauen zwischendurch. Die Filter-Blase ist zu gemütlich, um aus ihr auszubrechen. Wer Facebook verlässt, mag glücklicher sein, doch fühlt sich auch weniger informiert und inkludiert. Event-Einladungen, Breaking News, Videos, Messages – die bekommt man zuerst auf Facebook. Zuckerbergs App-Familie ist zum De-facto-Standard der privaten Kommunikation im Netz geworden, und es ist gerade für kleine Unternehmen zum zweiten Standard neben Google für Werbung im Netz geworden.

Für unsere intimsten Daten gibt es mittlerweile sogar einen Preis-Tag: bis zu 20 Dollar pro Monat. Würde Facebook eine kostenpflichtige Version seines Dienstes ohne Werbung anbieten, es müsste wohl zwischen 3 und 8 Euro pro Monat verlangen (mehr dazu hier).

Muss Facebook zerschlagen werden?

Stimmen auch in der europäischen Politik werden immer lauter, dass der Social-Network-Konzern aufgespaltet werden muss. Instagram und WhatsApp als neue Konkurrenten, nur so könne man dem Daten-Monopol Herr werden. Mag sein, dass so mehr Wettbewerb im Social Web herrschen würde. Aber. Erinnert ihr euch noch an Snapchat?

Dessen Gründer Evan Spiegel ließ Zuckerberg abblitzen. Kurz dachte man schon, dass Snapchat der Facebook-Killer werden könnte. Doch dann schob Zuckerberg Instagram am Schachbrett vor, ließ die Foto-App das Story-Format von Snapchat kopieren – und heute redet kaum noch jemand von Snapchat. Und WeChat? Nun, der Messaging-Hit aus China konnte hinter der Großen Firewall, hinter der Facebook geblockt wird, gedeihen. Am westlichen Markt spielt es eine untergeordnete Rolle.

Könnten Instagram oder WhatsApp alleine am Markt gegen Facebook bestehen? Wohl kaum. Instagram konnte nur mit Hilfe der Tech- und Werbe-Infrastruktur des blauen Riesen so groß werden, wie es heute ist, und WhatsApp wird von Facebook für sein eigenes Zukunftsgeschäft (Mobile Payment, Messaging Marketing) mit genug Geld versorgt. Bald wird es auch dort Werbung im Story-Format geben.

Und sollten die Wettbewerbshüter auf dumme Ideen kommen und die App-Familie von Zuckerberg in seine Einzelteile zerlegen wollen (gar nicht so einfach), baut Zuckerberg schon mal vor. Künftig sollen WhatsApp, Instagram und Messenger auf der gleichen Plattform laufen und die Kommunikation zwischen den Apps ermöglichen.

Die europäische Alternative fehlt

Während Facebook weiter wächst, steht Europa mit leeren Händen da und jammert darüber, dass wir den internationalen Riesen die Daten frei Haus liefern. Hier muss angesetzt werden. Ohne dem Silicon Valley wäre Facebook nicht jenes Daten-Monster geworden, das es heute ist. Und wer eine Alternative sehen will, der muss eben auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass eine entstehen kann. Ich würde gerne ein europäisches Startup sehen, dass Facebook die Stirn bieten kann.

Unwahrscheinlich: ja. Unmöglich: nein. In Europa gibt es mehr Entwickler als in den USA, es gibt mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) eine gute Grundlage für den vernünftigen Umgang mit personenbezogenen Daten, und es gibt genug Kreativität, um die Idee der Social Networks auf das nächste Level zu heben (Nachbauen bringt nix, StudiVZ lässt grüßen, Blockchain anyone?).

Solange Facebook aber weiter konkurrenzlos arbeiten kann, werden wir weiter über Datenskandale jammern, uns Zuckerbergs Entschuldigungen anhören und seine Milliarden wachsen sehen. Und wenn uns jemand fragt, wie das alles nur sein kann, wird uns als Antwort übrig bleiben:

¯\_(ツ)_/¯

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