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Gastbeitrag

10 Jahre Wikitude: „Wenn man die Entscheidung nicht selbst trifft, wird sie getroffen“

Martin Herdina, CEO und Philipp Nagele, CTO von Wikitude © Mike Vogl
Martin Herdina, CEO und Philipp Nagele, CTO von Wikitude © Mike Vogl

Wikitude feiert 2018 sein 10-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum werfen CEO Martin Herdina und CTO Philipp Nagele einen Blick zurück. “Das Leben in einem Startup ist nicht immer spaßig – auch wenn das viele gerne glauben. Wir haben vor allem aus unseren Fehlern gelernt. Nur so kann Innovation entstehen”, weiß Martin Herdina. Er wird bei der Fuckup Night Vol.V am 19.2 in Salzburg über diese Erfahrungen sprechen. Wikitude will andere Gründer mit Learnings, aber auch mit der eigenen Augmented-Reality (AR)-Software unterstützen: Startups haben seit Sommer die Möglichkeit, das preisgekrönte AR-SDK von Wikitude kostenlos zu nutzen.

Learning #1: Vermeide zu viel Ablenkung

Wikitude beschäftigt derzeit mehr als 30 Mitarbeiter, erwirtschaftet Millionenumsätze und gilt als weltweit führende, unabhängige AR-Plattform. “Wir sind dort, wo wir sind, weil wir viel Geduld und Ausdauer bewiesen haben”, resümiert Martin Herdina, der seit 2010 als CEO bei Wikitude ist: “Das ist wichtig, gerade dann, wenn sich immer wieder unerwartet Chancen und Gelegenheiten auftun.” Eine dieser Gelegenheiten war Wikitude Drive, eine AR-Navigationsapp fürs Auto. “Für so ein Projekt bräuchte man 95 Prozent Expertise im Bereich Navigation und nur fünf Prozent in AR. Wir haben nicht sofort begriffen, dass das bei uns genau umgekehrt ist.” Herdina rät deshalb: “Gute Entscheidungen trifft man, wenn man seine eigene DNA wirklich versteht.”

Learning #2: Sei nah am Markt

Es ist ein bekanntes Problem in der Tech-Welt: Es gibt eine Vision, da ist viel Leidenschaft, aber manchmal vergisst man, für wen entwickelt wird. Am Ende gibt es ein geniales Produkt, aber noch keine Kunden, die es kaufen. “Das ist passiert, als wir ein Feature namens Scene Recognition entwickelten”, erzählt Philipp Nagele, CTO von Wikitude: “Wir konnten erstmals nicht nur kleine Objekte, sondern ganze Gebäude, Landschaften oder komplexe Industrieanlagen visuell erfassen und vor allem wiedererkennen. Das ist wichtig für die Idee der AR-Cloud. Die AR-Cloud ist aber immer noch eine Vision in Kinderschuhen. Der Markt ist einfach noch nicht bereit”, weiß Nagele heute: “Für eine solche Innovation brauchen wir mehr Zeit, um unsere Kunden vorzubereiten und zu inspirieren.”

Learning #3: Setze realistische Ziele

Das ist ein weiterer Rat von CTO Philipp Nagele. Er denkt dabei an den Launch des Software Development Kits (SDK) 5: “Wir wollten zu viel in zu kurzer Zeit.” Das Ergebnis war weder gut fürs Produkt noch fürs Team: “Wir konnten Termine nicht einhalten, die Qualität des ersten Releases war nicht wie erwartet und das Team war erschöpft von den vielen Überstunden.”

Learning #4: Lerne einen Marathon zu laufen

Als SDK 5 veröffentlicht wurde, gab es große Veränderungen im Entwicklerteam. Außerdem erschwerten viele Kompromisse im Code die Wartung. “Rückblickend war das die Zeit, in der wir am meisten unter unserer anfänglich hohen Geschwindigkeit gelitten haben. Wir haben uns ins Zeug gelegt, um viele wichtige Features zu entwickeln. Dafür haben wir aber klare und saubere Softwarearchitektur eingebüßt”, erinnert sich Nagele: “Wir haben unsere Core-Software aus gutem Grund aufgeräumt und neu gebaut. Viele dieser Erfahrungen wurden im aktuellen SDK 8 erfolgreich umgesetzt.”

Learning #5: Triff klare Entscheidungen

“Leidenschaft ist der Treibstoff eines jeden Startups. Es ist nicht einfach, etwas von dieser Haltung aufzugeben”, erzählt Herdina: “Aber ab einem gewissen Punkt braucht es Struktur, Klarheit und Transparenz im Team. Dieser Punkt war bei zwanzig Mitarbeitern erreicht.” Herdina erinnert sich, als zwei sehr ehrgeizige Entwickler miteinander konkurrierten: “Hier hätten wir viel früher klare Verantwortung und Rollen definieren müssen.” Beide Entwickler verließen Wikitude: “Wenn man die Entscheidung nicht selbst trifft, dann wird sie für einen getroffen. Das kann mitunter schmerzhaft sein. Es kostet Ressourcen und manchmal verliert man eben auch gute Mitarbeiter. Am Ende haben wir aber die Dinge geändert, die wirklich geändert werden mussten. All unsere Fehler haben uns letztendlich wachsen lassen.”

© Wikitude
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